Wohnen am Fluss. Reiz und Risiko.

Annette Holzapfel
überarbeitet Januar 2025

Am Ufer eines Flusses zu leben hat seinen Reiz. Aber auch Gefahren. Im Ahrtal fließt ein schmaler Fluss, in den zahlreiche Bäche einmünden, durch ein enges Tal. Steht ein Regengebiet am Himmel lange an derselben Stelle und kommt es dann zu einem mehrere Tage währenden Dauerregen, kann das dramatische Folgen haben. Innerhalb weniger Stunden kann die Ahr um mehrere Meter ansteigen.

Hochwässer hat es im Ahrtal immer gegeben. Die Römer reagierten auf Hochwässer, indem sie ihre Villen auf Anhöhen am Rand des Tales bauten. Vom 14. Jahrhundert bis heute hat es 75 Hochwässer gegeben. Manche ereigneten sich im Winter. Wenn der Schnee taute, entstand gefährlicher Eisgang und in der Ahr türmten sich Eisschollen. Bäche und Fluss liefen über.

Um die Schäden durch Hochwasser zu mindern und die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen, vor allem aber, um landwirtschaftliche Nutzflächen zu erschließen, unternahm man ab dem 18. Jahrhundert und insbesondere von 1880 bis zum 1. Weltkrieg Versuche, die Ahr zu regulieren.

Bild: Heinz Grates

Vorsichtsmaßnahmen gegen Hochwasserschäden trafen die Ahrtalbewohnenden, indem sie Ansiedlungen im „Hochwasserbereich“ mieden. Karten aus der Zeit von 1808 bis 1810 zeigen einen unverbauten Fluss. Dadurch war bei normalem Hochwasser ein schneller und ungehinderter Abfluss möglich. Trotzdem boten der Abstand zur Hauptstromrinne und die Lage auf Anhöhen nicht immer ausreichend Schutz vor Überflutungen. Zudem war die frühere Bauweise weniger widerstandsfähig als heute. Bei der schweren Flut im Jahr 1804 wurden 129 Wohnhäuser vollständig zerstört und 469 beschädigt.

Im Zuge mittelalterlicher Siedlungsgründungen und insbesondere neuzeitlicher Siedlungsentwicklungen breiteten sich die Orte mehr und mehr im hochwassergefährdeten Raum aus.

Am Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Siedlungsdichte in den Tallagen in fast allen Orten des Ahrtals zu. Allerdings waren die Flächen weniger versiegelt als heute. Nach dem 1. Weltkrieg, vor allem ab den 1950er Jahren nahm der Anteil der Asphaltflächen erheblich zu. Darin liegt nach Ansicht des Biologen Professor Wolfgang Büchs ein Grund für die verheerenden Folgen des Hochwassers am 14. und 15. Juli 2021. Heute ist im Kreis Ahrweiler die Versiegelung sogar 38 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt.

Bild: Annette Holzapfel
Bild: Annette Holzapfel

Wurden zu erwartende Schäden durch folgenschwere Hochwässer vielleicht deshalb hingenommen, weil angenommen wurde, dass diese sich höchstens alle 100 Jahre ereignen würden? Spielte die rheinländische Lebenseinstellung mit hinein? Im „Kölschen Grundgesetz“ heißt es: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Gott zu vertrauen und positiv zu denken sind den Menschen angenehmer als eine Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Forschungen, zumal das Leben schon genug Sorgen birgt und niemand sich gern vorstellt, dass sie/er die lieb gewonnene Heimat verlieren könnte. Inzwischen überwiegt aber bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern die Angst vor häufigen wiederkehrenden Hochwassern und damit der Wunsch, dass die Politik Hochwasserschutzmaßnahmen anbietet und umsetzt.

Büchs schreibt zum Altarm der Ahr um den Altenburger Umlaufberg, der schon immer zu Wasseraufstauungen neigte, dieser sei bis in die 1960er Jahre unbesiedelt gewesen. 1960 nahm dort aber die Besiedlung kontinuierlich zu und der Ahraltarm wurde immer mehr zugebaut. Karten des Landesumweltamtes hätten möglicherweise deshalb auf keine große Überschwemmungsgefahr hingewiesen, weil nur Pegelstände ab 1947 ausgewertet und frühere Hochwässer nicht berücksichtigt wurden. Vielleicht würden ja auf zukünftigen Karten potenzielle Überschwemmungsgebiete und „Gefahrenbereiche“, die nicht bebaut werden sollten, anders eingezeichnet. Büchs weist darauf hin, dass in „Gefahrenzonen“ des Ahrtals schon Wohnhäuser stehen bzw. nach der Flut von 2021 wieder aufgebaut wurden. Er vermutet, dass die Festlegung von Überschwemmungsgebieten „nicht nach wissenschaftlichen, sondern nach politisch-sozialen Kriterien erfolgte“, weil dem Ahrtal „nach streng wissenschaftlichen Überlegungen eine Art Entsiedlungsprogramm aufgelegt werden müsste“. Er fragt: „Wer wollte das vorschlagen und als Lokalpolitiker überstehen?“ Fatale Auswirkungen bei zukünftigen Hochwässern könne der Lückenschluss der A1 haben, weil 520 Hektar versiegelte Fläche hinzukämen..

Bild: Annette Holzapfel

Gefahren birgt nach Büchs auch die Einengung des Tales durch Verkehrswege, Wirtschaftswege und Eisenbahn. Dennoch hält er die Entsiegelung von Flächen im Wassereinzugsgebiet der Ahr für durchführbar. Ein Anreiz könne durch Entsiegelungsprämien geschaffen werden. Solche Maßnahmen zusammen mit der Einrichtung von Rückhaltebecken, Retentionsflächen, der Schaffung von mehr Grünland (durch die Abnahme von Grünland verkürzt sich die Fließgeschwindigkeit und das Hochwasser steigt schneller an) und neuen Bebauungsplänen gemäß einem Schwammstadtprinzip könnten seiner Meinung nach Schäden durch zukünftige Starkregen und Hochwässer erheblich mindern.

Der Kreis Ahrweiler hat ein Konzept entwickelt, um die Schäden an der Ahr und ihren Zuflüssen Adenauer Bach, Nohner Bach und Trierbach zu beseitigen und die Gewässer wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Diese „Gewässerwiederherstellung“ soll den Gesamtzustand der Ahr und ihrer Zuflüsse verbessern. „Dabei werden sowohl die Hochwasservorsorge als auch ökologische Belange berücksichtigt.“ Forschungsprojekte der Hochschulen Mainz und Koblenz begleiten das Projekt. Abstimmungen mit vielen verschiedenen Beteiligten sowie Flurbereinigungen sind erforderlich.

Bild: Annette Holzapfel

Als Ergänzung zu einer geänderten Landnutzung, die mehr Wasser im Gelände zurückhält und die Infiltrationsfähigkeit der Böden erhöht, hält Büchs ein Entsiegelungsprogramm, Schwammmaßnahmen sowie Rückhalte- und Retentionsräume für dringend notwendig. Eine hochwasserresiliente Bauweise sei wichtig, jedoch nicht, indem Person A einer benachbarten Person B durch eine massive Bauweise schade, die bei Person A selbst zwar Wasser verdränge, bei Person B, die sich diese Bauweise nicht leisten könne, aber umso größere Schäden verursache. Auch sei wichtig, Areale der Natur zurückzugeben, selbst wenn der Bahnausbau sowie der Bau von Brücken, Straßen und Gebäuden dadurch 20 Jahre länger dauern würde. Die Ahr habe sich selbst 2021 mehr Raum gegeben. Flusslauf und Breite haben sich durch die Flut verändert. Die nächste Flut werde beides wieder völlig verändern. Wenngleich das „Gewässerwiederherstellungskonzept“ „gute Anregungen“ wie den Rückbau von Aufschüttungen, die Diversifizierung von Uferprofilen, Treibgutrechen zur Entlastung von Brücken und Gebäuden und die Schaffung von Retentionsflächen enthalte, fehle die Prüfung auf Vereinbarkeit mit vorbeugendem Hochwasserschutz beim Neuaufbau. So berge der Bau massiver einengender Dämme oder der Lagerung von Materialien direkt am Flussufer Gefahren.

Bild: Lothar Woik

Vom Bau von 19 Rückhaltebecken in den nächsten 30 Jahren verspricht der Kreis Ahrweiler sich, dass bei einer Flut wie der von 2021 das Hochwasser niedriger ausfällt als bei der Flut von 2016. Landkäufe, Entschädigungen und die Verlegung von Straßen, Wegen und Wiesen würden für den Bau dieser Becken bei einer Investition von einer Milliarde Euro erforderlich sein.

Während die Umsetzung dieses Vorhabens noch in der Zukunft liegt, planen einige Kommunen örtliche Maßnahmen. So sollen an der Oberahr Rückhaltebecken geschaffen und Rechen angebracht werden. Durch die Pflege von Oberflächenwassereinleitungen und Durchlässen, der Einrichtung von Rechen und Sedimentgittern sowie regelmäßigem Freischeren von Straßenrändern will die Stadt Sinzig Voraussetzungen dafür schaffen, dass Wasser schnell und ungehindert ablaufen kann.

Bild: Annette Holzapfel